Quelle: Märkische Allgemeine 19.09.08
TREUENBRIETZEN/NIEBEL – Verbarrikadierte Grundstücke und Mistgabeln gegen den Aufmarsch von Anwälten und Polizei – der Streit um den Betrieb privater Kleinkläranlagen hat in Brandenburg groteske Züge angenommen. Landesweit sorgen Abwasserrebellen für Schlagzeilen, weil sie die Reinigung ihrer Abwässer selbst in die Hand nehmen. Auch im 160-Seelen-Dorf Niebel (Potsdam-Mittelmark) war den Wasserbehörden eine naturnahe Kleinkläranlage ein Dorn im Auge. Jetzt aber erhält das Nutzwasser-Recycling-Projekt von Angela Zimmer sogar den 1. Umweltpreis des Landkreises Potsdam-Mittelmark.
Drei Jahre brauchte die 42-Jährige, um ihr Projekt bei Ämtern und der Wasser-Wirtschaftsgesellschaft Nieplitztal (WWN) durchzuboxen. „Hätte ich geahnt, was auf mich zukommt, hätte ich es vielleicht gelassen“, sagt sie. Vom Amtsleiter der Unteren Wasserbehörde sei sie falsch informiert, teilweise sogar diffamiert worden. Es gab Gerüchte, Intrigen und Anzeigen. „Für den Wasserverband stand offenbar viel auf dem Spiel“, so Zimmer. Schließlich könnten immer mehr Märker ihrem Beispiel folgen und Wasserverbänden den Rücken kehren.
Angela Zimmer zeigt ihr Grundstück, ein 1882 als Vierseithof erbautes Ensemble. Hinter Schilf und zwei Teichen würden Besucher nicht unbedingt eine Schmutzwasserreinigungsanlage vermuten. Angela Zimmer hat sie peu à peu errichtet. Heute tränkt sie mit dem gereinigten Wasser Pferde und Hunde und wässert die Rosenbeete. Der Rest landet im großen Teich, wo das Wasser nochmals mehrere Filterstufen durchläuft. 2001 beantragten die Zimmers die 6500 Euro teure Pflanzenkläranlage, die die Wasserbehörde 2002 genehmigte. „Dafür erhielten wir sogar 2000 Euro von der Landesinvestitionsbank Brandenburg.“ In Folge der Eingemeindung Niebels nach Treuenbrietzen übernahm die hier ansässige Wasser-Wirtschaftsgesellschaft, die im Auftrag des Wasser- und Abwasserzweckverbandes Nieplitztal agiert, die Zuständigkeit. „Damit begann der Ärger. Der Verband verlangte plötzlich Gebühren für gar nicht vorhandenes Abwasser und Schlamm“, schildert Angela Zimmer das Vorgehen, gegen das sie vor dem Verwaltungsgericht Potsdam klagte. 2005 erweiterte die gelernte Kauffrau ihre Kleinkläranlage um einen sogenannten Rottebehälter, der es ermöglicht, vom Schmutzwasser abgetrennte Feststoffe zu filtern. Im gleichen Jahr hatte das Brandenburger Umweltministerium jenen Behälter per Erlass „genehmigungsfrei gestellt“. Damit schien der Fall erledigt. Doch nach Einbau dieser erweiterten Filterstufe forderte die Untere Wasserbehörde den Verschluss der Kleinkläranlage. Begründung: Die Anlage sei anders gebaut als genehmigt. Es folgte eine Anzeige gegen Angela Zimmer beim Kreisumweltamt wegen „nicht rechtskonformer Entsorgung des Abwassers“. „Obendrauf gab es eine Anzeige beim Veterinäramt, weil ich angeblich mit dem gereinigten Wasser meine Tiere vergiften könne.“ Doch alle Vorwürfe waren unhaltbar, wie Prüfungen ergaben. Die Verfahren wurden eingestellt.
2007 lenkte der Wasserverband ein und befreite die Zimmers für 20 Jahre vom Kanalanschlusszwang beziehungsweise von der Pflicht, Sickergrubenwasser abholen zu lassen. „Mit gesundem Menschenverstand wäre das Verbot einer ökologischen Kläranlage auch nicht zu erklären“, sagt die Kreistagsabgeordnete Elke Seidel (Bündnis 90/Die Grünen). Seidels Fraktion hatte Zimmers Anlage für den Umweltpreis vorgeschlagen. „Die Abwasserbehandlung der Zimmers erfüllt hohe Standards“, so Seidel. Rückstände des Schmutzwassers würden als Düngemittel genutzt, das Abwasser hochgradig gereinigt. „Das hat für Brandenburg Vorbildfunktion.“
In der Unteren Wasserbehörde herrscht zum Thema betretenes Schweigen: „In die Entscheidung zur Preisverleihung waren wir nicht eingebunden“, heißt es dort. Bei der Wasser-Wirtschaftsgesellschaft Nieplitztal erklärt Geschäftsführer Werner Müller, dass von der Niebeler Anlage keine Vorbildwirkung ausgehen könne. „Aus Umweltsicht mag die Anlage okay sein. Aber Anschaffung und Unterhalt kosten richtig Zeit und Geld.“ Im drei Jahre dauernden Gerichtsstreit mit den Zimmers habe sich die Untere Wasserbehörde allerdings nicht mit Ruhm bekleckert, räumt Müller ein. „Das hätte man vermutlich anders lösen können.“ (Von Jens Rümmler)
Der Fall Briesensee:
Angela Zimmer erhält für ihre Recyclinganlage am 5. Oktober von Landrat Lothar Koch (SPD) den mit 1000 Euro dotierten Umweltpreis des Kreises Potsdam-Mittelmark.
Im Abwasserstreit von Briesensee (Dahme-Spreewald) hat Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) gestern Vorwürfe gegen die Polizei zurückgewiesen. Die Beamten hätten bei der Durchsetzung eines Abwasseranschlusses im Amt Lieberose mit Augenmaß und Sensibilität gehandelt, sagte Schönbohm. Zum Abwasseranschluss habe es rechtskräftige Gerichtsentscheidungen gegeben. Die Polizei sei zur Vollzugshilfe verpflichtet gewesen. In dem jahrelangen Streit war am 10. September mit Polizeihilfe der Zwangsanschluss des Grundstückes der Ortsbürgermeisterin Doris Groger an die Kanalisation durchgesetzt worden. Sie hatte auf ihrem Grundstück eine ökologische Nutzwasser-Rückgewinnungsanlage installiert. (rüm/MAZ)
